Antisexismus beginnt mit einer Entschuldigung

Die NEOS weigern sich seit Tagen, angemessen auf einen sexistischen Sager ihres Wirtschaftssprechers zu reagieren. Warum das eigentlich einen Shitstorm hätte auslösen dürfen.


Sepp Schellhorn, der Wirtschaftssprecher der NEOS, hat am 9. Februar gegenüber der Tageszeitung Die Presse einen sexistischen Vergleich gewählt, um zu beschreiben, warum das Ziel der SPÖ, bei der nächsten Nationalratswahl eine rot-grün-pinke Mehrheit zu erreichen, seiner Meinung nach bloß ein Ablenkungsmanöver sei. Er sagt im Zitat, die SPÖ würde lieber eine Koalition mit der FPÖ bilden, geniere sich aber dafür „so wie wenn man eine nicht so hübsche Frau im Bett hat.“

Ich twitterte am selben Tag einen Screenshot, fragte „what the hell“ und taggte den Account der NEOS, damit sie Stellung dazu beziehen konnten. Nichts passierte, ich twitterte weiter dazu. Bis zum nächsten Morgen hatten sich neben den verlässlichen Feminist*innen auch ein paar followerstärkere Accounts eingemischt, viele der ganz großen „Alphas“, die sich kürzlich in einer anderen, unter anderem von mir angezettelten, eigentlich vollkommen irrelevanten Diskussion über Germanistik aufspielten, stellten sich tot.

Irgendwann reagierten die NEOS und machten alles nur noch schlimmer. Weder gingen sie auf den Inhalt der Aussage von Schellhorn ein, noch schienen sie diese überhaupt als sexistisch wahrzunehmen. Stattdessen betonten sie wiederholt, wie sehr sich ihre Partei für Gleichstellung einsetzte und legten mir nahe, ihr Papier dazu zu lesen und eine Veranstaltung zum Thema Frauenpolitik zu besuchen. Immer eine gute Idee, Kritiker*innen gegenüber nicht nur ignorant, sondern auch überheblich zu sein. Ganz große Politik.

Die NEOS haben unter ihren Abgeordneten eine einzige Frau und sind gegen Frauenquoten. Dass sie beim Thema Frauenpolitik trotzdem Impulse setzen, mag natürlich sein, darum ging es aber nicht. Nie. Es ging um einen sexistischen Sager. Um einen Sager, der Frauen als Objekte abwertete. Um einen Sager, der sonst nach zehn weißen Spritzern im Wirtshaus fällt. Auch dann ist er inakzeptabel. Aber wenn sich ein geschulter Nationalratsabgeordneter (zum wiederholten Mal) derart im Ton vergreift, braucht es einen Aufschrei und eine entsprechende Reaktion. Aber es folgte keine Reue, keine Richtigstellung, keine Entschuldigung. Nur Arroganz und eine wehleidige Umkehr-Taktik, weil ich mit meiner Kritik die sonst so feministischen Mühen der NEOS unnötig in den Dreck ziehen würde.

Mir ist klar, dass nicht alle Mitglieder der NEOS die Aussage ihres Kollegen ok fanden, eine Partei bei Kritik aber nun einmal geschlossen auftreten sollte oder sogar muss. Nun macht es aber die getroffene Entscheidung, sich geschlossen hinter anstatt gegen eine solche frauenfeindliche Aussage zu stellen, alles andere als besser. Antisexismus beginnne damit, sich für Sexismus zu entschuldigen, kommentierte eine der verlässlichen Feminist*innen die Reaktion der NEOS. Und Recht hat sie. Wer sich nicht gegen Ungerechtigkeit stellt, unterstützt diese. Daran ändert auch ein Gleichstellungspapier nichts. Wer nicht gegen Sexismus und Misogynie auftritt, legitimiert sie. Das funktioniert genauso bei Rassismus wie Homo- und Transphobie. In der Theorie ist das für viele selbstverständlich, was jedoch zählt, ist der praktische Umgang damit. Wenn die Praxis vernachlässtigt wird, ist die Theorie Heuchelei.

Wenn es einer Partei wichtiger ist, mit einem Fehltritt nicht allzu große Aufmerksamkeit zu erregen, als diesen Fehltritt entsprechend zu korrigieren und sich bei jenen, die sich dadurch angegriffen oder verletzt fühlen, zu entschuldigen, dann ist das problematisch. „So funktioniert Politik halt“ oder „Was hast du erwartet?“ hin oder her. Dass der Fehltritt ursprünglich von meinem Account mit knapp 1.600 Followern dokumentiert wurde, ist für die NEOS vielleicht Glück im Unglück. Es reichte somit nicht für einen Shitstorm und „no shitstorm, no sorry“, wie eine Kollegin anmerkte. Verdient hätten sie ihn.

Und während ich und viele andere Kritiker*innen noch immer auf eine angemessene Reaktion warten, winken die NEOS schon einen Tag später aus dem Glashaus und kritisieren ÖVP-Klubobmann Manfred Juraczka für seine ausweichenden Antworten auf Twitter. Schade eigentlich.

UPDATE

Nachdem ich diesen Artikel in der Früh veröffentlicht hatte, ging die Diskussion erfreulicherweise weiter. Als sich dann mehr und mehr Kritiker*innen eingemischt hatten, beteuerten die NEOS plötzlich, dass das Zitat ein Missverständnis sei und die Redakteurin der Tageszeitung Die Presse es falsch wiedergegeben hätte. Das fanden sämtliche in dem Thread Beteiligte eigenartig. Warum sollte die Redakteurin das Zitat verfälscht haben, warum fällt das den NEOS erst Tage nach der Veröffentlichung des Artikels auf und wie könnte ein solches Zitat überhaupt gedreht werden, sodass es nicht mehr problematisch ausfalle?

Die Presse reagierte mit einem klaren Statement der Redaktion. Die Redakteurin besteht weiterhin darauf, Sepp Schellhorn korrekt und nach ihren Unterlagen zitiert zu haben. Das von ihm vorgeschlagene, alternative Zitat wäre im Übrigen genauso sexistisch gewesen.

Die NEOS scheinen jedenfalls bei ihrer bizarren Version der Geschichte zu bleiben und sehen mit ihrer wirren Taktik langsam ein bisschen alt aus. Dass es nun so anmutet, als hätte die eine Seite, die der beharrlichen Kritiker*innen, „gewonnen“, ist aber nicht wirklich ein Grund zur Freude. Vielmehr ist es traurig, dass es einer Partei, die vorgibt, sich für Gleichstellung einzusetzen, so viel Mühe wert sein kann, dieser simplen Entschuldigung auszuweichen.

UPDATE

Sepp Schellhorn hat sich am Abend des 14. Februar auf seiner Website für seine Aussage entschuldigt. Sie kam ihm in einer „beruflichen Stresssituation – Semesterferienzeit in meinen Restaurants“ aus. Er bedauere es, mit seiner missglückten Metapher jemanden vor den Kopf gestoßen zu haben. Fair enough. Wie akzeptieren die Entschuldigung selbstverständlich.

Den letzten Satz seiner Klarstellung hätte sich Schellhorn jedoch sparen können. „Damit ist die Diskussion für mich beendet und ich widme mich wieder meiner sachpolitischen Arbeit als Nationalratsabgeordneter.“ Aber wir sind schon still. Einstweilen.