Das bequeme Diversitätsverständnis der Österreichischen Medientage

97 Männer und 21 Frauen sprechen bei den diesjährigen Österreichischen Medientagen in Wien. Das entspricht einem Frauenanteil von schlanken 17,8 Prozent und damit nicht einmal einem Fünftel. Das ist unerträglich. Die Männer am Podium sind mitverantwortlich.


Die Österreichischen Medientage finden dieses Jahr im September zum 24. Mal statt. Unter den insgesamt 118 Speaker*innen befinden sich 97 Männer und 21 Frauen. 17,8 Prozent.

2016 fanden sich in der Liste der Referent*innen 108 Männer und 17 Frauen, 2015 waren es 95 Männer und 20 Frauen, 2014 waren es 108 Männer und 22 Frauen, 2007 waren es 88 Männer und 11 Frauen. Der Blick in die Archive zeigt also, dass sich trotz des in der Gesellschaft wachsenden Bewusstseins für Diversität und entsprechender Kritik am Fehlen eben dieser über Jahre nichts am Konzept der Veranstalter*innen geändert hat. Das Thema Diversität machen die Organisator*innen vom Wiener Manstein-Verlag nämlich schlicht von den aktuell vorherrschenden Geschlechterverhältnissen in den Führungsetagen der Medienunternehmen abhängig.

Marlene Auer, Chefredakteurin der Branchenzeitung HORIZONT, deren Herausgeber besagter Manstein-Verlag ist, bedauert den geringen Frauenanteil, argumentiert die Zusammensetzung der Speaker*innen aber damit, dass die Österreichischen Medientage seit jeher ein Fachkongress der Entscheidungsebenen von Medien, Marketing und Werbung seien und es in diesen nun einmal wenige Frauen gebe. „Wären mehr Frauen in diesen Ebenen, würden sie auch am Podium sitzen“, so Auer.

Grundsätzlich mangelt es keineswegs an Expertinnen in der Medienbranche, im Journalismus und in der Kommunikation. Denn auch, wenn Führungspositionen nach wie vor zu 92,8 Prozent (!) von Männern dominiert sind, machen Frauen 46,8 Prozent aller Erwerbstätigen in Österreich aus. Beobachtet man Redaktionen und Agenturen, fallen jede Menge gut ausgebildeter, qualifizierter und erfahrener Frauen aller Altersgruppen auf. Dass diese es selten über das mittlere Management hinaus schaffen, liegt oft weniger an einschlägigen Skills und Charakterzügen, sondern hat strukturelle Gründe. Stichwort „Gläserne Decke“, Stichwort „Leaky Pipeline“. Das ist kein exklusives Nischenwissen, sondern seit Jahrzehnten Ausgangspunkt und Grundbestandteil feministischer Politik.

Dass sich diese Strukturen nicht von heute auf morgen in Luft auflösen werden, wurde 2016 sogar mit einer Studie belegt. Sich ihnen weiterhin anzupassen und abzuwarten bis sie sich schließlich von selbst drehen, ist im besten Fall bequem. Auf die Frage, ob es denn nicht an der Zeit wäre, die straffe Einladungspolitik aufzubrechen und somit jene Frauen, die auch unabhängig von männerdominierten Entscheidungsebenen Medienexpertinnen sind, in den Fokus zu rücken, wiederholt Auer, dass sich der Kongress aber genau an diese Zielgruppe richte, sie es sich auch anders wünschen würde, ja, als Frau sogar besonderes Augenmerk darauf lege.

Frauen sind da. Sie sind Expertinnen. Plattformen wie speakerinnen.org erleichtern es, sie zu finden. Dass ein Medienevent nach 24-jährigem Bestehen noch Nachhilfe im Vernetzen zu brauchen scheint, hinterlässt ohnehin einen faden Eindruck. Dass man sich dann aber auch noch ohnmächtig gibt und zurücklehnt, anstatt selbstständig umzudenken und proaktiv für eine Veränderung einzutreten, gleicht einer Resignation.

Ein anderes, auch von Auer herangezogenes Argument ist jenes, dass Frauen es sich nicht zutrauen würden, selbstbewusst auf Podien zu sitzen und Keynotes zu halten. Ein solches Denken bekräftigt vor allem gängige Stereotype. Hier geht es erneut um Strukturen und nicht nur um individuelles Sich-Trauen.

Dass sich jedoch viele Frauen überlegen, überhaupt auf eine Veranstaltung zu gehen, wenn sie im Programm derart unterrepräsentiert sind und das einzige All-Female-Panel zum Frauenthema „Das neue weibliche Entrepreneurship – Wie Ausbildung zum Sprungbrett für die Karriere wird“ stattfindet, ist eine Situation, derer man sich stellen muss. Selber Schuld, wenn die eingeladenen Frauen diese Chancen nicht wahrnehmen? Naja.

Vielmehr sind neben den Veranstalter*innen auch die Männer am Podium in die Pflicht zu nehmen. In Deutschland hat sich etwa der beliebte Speaker und Türkei-Experte Ismail Küpeli schon länger dazu entschlossen, an keinen All-Male-Panels mehr teilzunehmen. Hierzulande sucht man derzeit vergeblich nach Nachahmern. Denn auch wenn österreichische Chefredakteure und Geschäftsführer Frauen theoretisch als gleichberechtigt erachten, sie vielleicht auch korrekt bezahlen und bei der Anstellung nicht gegenüber einem weniger qualifizierten Mann benachteiligt haben – bitte kein Applaus jetzt – profitieren sie als weiße Männer nach wie vor enorm von den immer noch dominanten patriarchalen Strukturen. Und sie machen es sich gerne darin gemütlich.

Das illustriert eben auch die Einladungspolitik der Österreichischen Medientage bzw. die (Nicht-)Reaktionen darauf. Auch wenn einige der 97 Speaker ein paar feministische Tweets im Monat faven und kürzlich 20 Euro ans Frauenvolksbegehren gespendet haben, progressiv ist das alles natürlich nicht. Ein ernstzunehmendes Statement hingegen wäre es, würden sie ihre Privilegien tatsächlich reflektieren und überlegen, hey, habe ich es nötig, dort aufzutreten, wenn meine objektiv besser qualifizierten Kolleginnen nicht einmal gefragt wurden? Hey, muss ich meinen Male Gaze eigentlich wirklich zum 5. Mal in Folge ins Publikum rotzen oder gibt es andere Perspektiven, die es auch verdient hätten, gehört zu werden? Das ist kein Aufruf zum Boykott, sondern ein feministischer Denkanstoß.

HORIZONT-Chefredakteurin Marlene Auer kündigt für die 25. Ausgabe des Kongresses nächstes Jahr an, stärker an der Sichtbarkeit von Frauen arbeiten zu wollen. Das ist rühmlich, im Rahmen der gegenwärtigen Verhältnisse aber nicht drin. Wahrscheinlich ist es das auch in den nächsten zehn Jahren nicht. Von alleine wird sich nicht viel verändern.

Die Österreichischen Medientage bleiben derweilen eine illustre Zusammenkunft mächtiger weißer Männer, die sich gerne selber und gegenseitig reden hören. Das ist unzeitgemäß. Dass man am Ende auch noch die Chuzpe hat, die Veranstaltung unter das Motto „Vorwärts schauen!“ zu stellen, ist, naja, zynisch.