Diese Welt macht etwas mit uns Frauen

Weil sie eine ist, in der das Verhalten von Männern wie Brett Kavanaugh ohne Konsequenzen bleibt. Eine Welt, in der uns klar signalisiert wird, dass unser Schmerz, unsere Wut, unsere Angst und unser Leben einfach nicht zählen.


Zumindest nicht so viel wie die Karriere eines weißen Mannes. Er könnte doch noch so viel erreichen in seinem vielversprechenden Leben. Das kann man ihm nicht verwehren. Wegen einer kleinen Dummheit? Einer Dummheit, von der man sich nicht einmal sicher sein kann, dass er sie tatsächlich begangen hat? Man will doch seine Existenz nicht ruinieren, nicht sein Leben und seine Familie zerstören. Er ist doch eigentlich ein toller Kerl. Hochgebildet, er hat in Yale studiert. (Als wären US-amerikanische Elite-Unis kein gesetzloser Spielplatz für weiße Frat-Boys, Frauen werden niemals nicht an Brock Turner denken können.)

Man will das wertvolle Leben eines hochgebildeten weißen Mannes nicht zerstören, indem man einer Frau glaubt, deren Leben er damals vielleicht tatsächlich zerstört hat. Und er tut es noch einmal. Jetzt, wo er es sich an der Supreme Court Bank bequem macht, während sie sich aufgrund von zahllosen Morddrohungen nicht mehr in ihr eigenes Haus traut. Retraumatisierung ist kein Ausdruck für das, was Christine Blasey Ford derzeit durchmacht.

Hier ist ganz klar definiert, wer zählt und wer nicht. Brett Kavanaugh zählt, Christine Blasey Ford zählt nicht. Männer zählen, Frauen zählen nicht. Täter zählen, solange sie weiß sind, betroffene Frauen zählen nicht, schon gar nicht, wenn sie nicht-weiß sind. Mehr noch, sie lügen. Weil sie die Karrieren von Männern kaputt machen wollen. Sobald sie den Mund aufmachen, zerstören sie Existenzen. Der Mann ist ruiniert, weil die Frau Aufmerksamkeit will. So lehrt es uns die patriarchale Gesellschaft. Die Realität sieht freilich anders aus.

Die Erzählung ist nicht neu. Es ist ein altbekanntes toxisches Narrativ, das wir hören, wenn es um sexualisierte Gewalt geht. Was für ein Bullshit. In Wahrheit ist es völlig egal, was Männer Frauen antun, sie müssen in den seltensten Fällen (angemessene) Konsequenzen fürchten. Ich spreche hier nicht von rechtlichen Konsequenzen. Wobei diese ebenso selten gezogen werden, aber dazu später. Ich spreche von gesellschaftlichen Konsequenzen. Von der angeblichen gesellschaftlichen Ächtung, die Männer erfahren, wenn sie eines sexuellen Übergriffs bezichtigt werden. Es gibt sie nicht. Es. Gibt. Sie. Nicht. Brett Kavanaugh, Brock Turner, Donald Trump, Bill Clinton, Cristiano Ronaldo, Roman Polanski, Woody Allen, Terry Richardson, Louis C. K., James Deen, Aziz Ansari und viele andere mächtige Männer leben das Gegenteil einer zerstörten Existenz.

Sie müssen sich nicht einmal besonders geschickt anstellen. Ihre Privilegien regeln alles für sie. Es ist, wie wenn der durchschnittliche Mann den Job bekommt und die ideal qualifizierte Frau nicht. Nur noch viel schlimmer. Diesen Männern passiert auch dann nichts, wenn sie sich aufführen, wie trotzige Buben.

Wobei ich mich nach wie vor dagegen wehre, abzufeiern, dass Kavanaugh bei seinem Hearing die Fassung verloren hat, während Blasey Ford jede einzelne Frage nicht nur beantwortet, sondern auch noch mit der größten Ruhe beantwortet hat. Es wurde sich kollektiv an Bildern und Videos ergötzt, denn schließlich wird immer behauptet, dass Frauen hysterisch und irrational seien. Und hier war es doch der Mann! Ha! Win! In your face, Patriarchat!

Nein, eben nicht. Blasey Ford musste so agieren. Sie musste ihre Emotionen schlucken, ihre Wut und ihren Schmerz verstecken. Sie musste auf künstliche Weise gelassen bleiben. Es war ihre einzige Möglichkeit, überhaupt ernst genommen zu werden. Wie wir aber erneut schmerzlich erfahren mussten, ist auch diese Strategie keine Garantie. Sie durfte aber auch nicht zu kalt wirken, weil dann kann ihr doch nichts wirklich Traumatisches passiert sein oder? Ich weiß nicht, wie lange sie sich auf diese Aussage vorbereitet hat, wie sehr sie sich selbst verbiegen hat müssen, aber ich bin mir ziemlich sicher, sie hat es getan.

Frauen reißen sich zusammen, weil sie müssen. Aus oft existenzieller Angst, etwas zu verlieren. Sei es ihre Glaubwürdigkeit oder ihr Job. Das ist nichts Empowerndes, sondern Teil der strukturellen Unterdrückung. Frauen müssen jede Sekunde auf ihre Wirkung achten, darauf, keine Klischees zu reproduzieren. Denn wir werden stets beobachtet. Wir können uns keine kleinen Fehler, keinen Kontrollverlust leisten. Darauf warten die Beobachter.

Männer können offensichtlich machen, was sie wollen. Ihre Meltdowns sind dann eben witzige Internet-Memes. Sie werden trotzdem Höchstrichter auf Lebenszeit. Blasey Ford hingegen könnte tatsächlich ruiniert sein. Weil sie den Mut aufgebracht hat, ihr 15-jähriges traumatisiertes Ich wieder ans Licht zu bringen, um die Welt vor Kavanaugh zu warnen. Um andere Frauen vor ihm zu schützen. Eine unvorstellbare Anstrengung, die schlussendlich erfolglos blieb. Alles, was sie jetzt tun kann, ist überleben.

Der Fall hat wie viele andere gezeigt, dass Frauen nicht gewinnen können, wenn sie sich gegen weiße mächtige Männer stellen. In dem Fall stand noch der US-Präsident hinter ihm, aber es lohnt auch im kleineren und alltäglichen Kontext selten. Wenn es überhaupt dazu kommt, dass Frauen einen Übergriff anzeigen. Schließlich haben sie genug Gründe, es nicht zu tun. Einer davon ist der, dass sie aufgrund all dieser Geschichten, in denen Täter ohne jeglichen Aufwand davonkommen, während Betroffene noch einmal durch die Hölle gehen müssen, berechtigterweise keinen Sinn in einer Anzeige sehen. Die geschätzte Dunkelziffer bei Sexualdelikten liegt in Österreich etwa bei 1:10, das bedeutet, dass ein Delikt angezeigt wird, während zehn weitere Delikte nicht angezeigt werden. In Deutschland werden laut bff, dem Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe, zwischen fünf und 15 Prozent der Vergewaltigungen angezeigt. Nicht einmal ein Zehntel der Anzeigen endet mit einer Verurteilung. In Österreich waren es in den letzten Jahren immer knapp 15 Prozent.

All diese Fälle und Zahlen sind zermürbend, sie tun weh, sie zersetzen. Es fühlt sich an, als würde man immer wieder auf Beton knallen, weil alles immer denselben Ausgang nimmt. “Aber es betrifft dich doch nicht”, sagen Männer verwirrt, wenn man während der Nachrichten weint und die Hände vors Gesicht schlägt. Und ob es mich betrifft. Uns Frauen. Schwarze Frauen und Women of Colour noch in potenziertem Maß. Weil wir auch in dieser Welt leben, in diesen Strukturen, in denen das alles passieren kann. Und das macht etwas mit uns.

Was bleibt? Schmerz, Angst und lodernde Wut.

Sidenote: Die österreichische Ex-Grünen-Abgeordnete Sigi Maurer wurde an dem Tag, an dem ich diesen Text veröffentlicht habe, wegen übler Nachrede verurteilt, weil sie eine widerwärtige Facebook-Nachricht von einem Mann öffentlich gemacht hat. Sie wird in Berufung gehen. Doch dieses Urteil ist wegweisend. Es ist ein Freibrief für Männer, die Frauen mittels Nachrichten belästigen, degradieren, fertig machen wollen. Sie dürfen das nun ganz offiziell tun, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Auch hier ist die Message klar: Frauen, wehrt euch nicht gegen übergriffige Männer. Es bringt nicht nur nichts, ihr werdet dafür büßen, die patriarchale Ordnung stören zu wollen. Haltet den Mund, seid brav, fügt euch, denn ihr habt keine Chance.