Ein Jahr ohne

Zwölf Monate ohne hormonelle Verhütung. Ich feiere ein Jubiläum. Im April letzten Jahres habe ich die Pille nach über zehn Jahren abgesetzt und es war die beste Entscheidung meines Lebens. Eine Abrechnung.


Mit 15 hatte ich meinen ersten festen Freund. Ich klebte ein paar Monate das Verhütungspflaster und stieg dann auf den mir von allen Seiten nahe gelegten Klassiker um: die Pille. Mein damaliger Gynäkologe hatte mir beide Mittel ohne Weiteres verschrieben. Ich musste mich lediglich wiegen und wurde gefragt, ob und wie viel ich rauche. Die Risiken und Nebenwirkungen kannte ich aus den jeweiligen Packungsbeilagen, die ich zwar las, aber nicht besonders ernst nahm. Ich war 16 und wollte einfach nur nicht schwanger werden. Wie so viele Mädchen.

Ich weiß deshalb auch nicht, ob ich meinen Gynäkologen überhaupt angehört hätte, wenn er mir von den großen und kleinen Gefahren, den sichtbaren und unsichtbaren Veränderungen, die mich mehr oder weniger wahrscheinlich im Laufe der Einnahme erwarten würden, erzählt hätte. Selbstverständlich hätte er mich trotzdem aufklären müssen. Doch was wusste ich damals schon über meinen Körper, meine Rechte und meine gesellschaftliche Rolle? Was wussten meine Eltern, meine Freundinnen, mein Freund? Nichts.

Heute weiß ich mehr. Ich weiß, dass das, was die Gesellschaft immer noch braucht, umfassende feministische Aufklärung über reproduktive Rechte ist. Ich weiß, dass damit ein radikales Umdenken, was den Körper und die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen, insbesondere junger Frauen, angeht, einhergehen, sowie eine grundlegende Bewusstseinsbildung gegenüber psychischen Beeinträchtigungen stattfinden muss. All das gehört zusammen. Ich weiß auch, dass es fest verankerte kapitalistisch-patriarchale Strukturen sind, die einen solchen Fortschritt nur sehr schwer möglich machen. Dass vielerorts auch wirtschaftlich davon profitiert wird, wenn Frauen ihr Leben lang an ein ihnen Kontrolle versprechendes Medikament „gefesselt“ werden – geschenkt.

Die Kontrolle über die eigene Reproduktionsfähigkeit ist zweifellos real und jede Frau sollte für sich selbst entscheiden, ob sie diese in Form von hormoneller Verhütung mit der Pille sicherstellen möchte. Es ist jedoch so, dass viele Frauen diese Entscheidung nicht fundiert treffen können, weil ihnen Wissen und Kontext fehlen. Wie auch mir lange Zeit.

Ich dachte zehn Jahre lang, dass ich die Pille gut vertragen würde. Ich war froh, dass ich im Gegensatz zu manchen meiner Freundinnen das Glück hatte, keinerlei Nebenwirkungen zu spüren. Keine Kopfschmerzen, keine Übelkeit, keine unkontrollierbare Gewichtszunahme. Viele schluckten sie auch, weil sie schlechte Haut hatten und Gynäkolog*innen ihnen die Pille als Therapie gegen Pickel verschrieben hatten. Legitim, dachte ich. Hätte ich das doch früher gewusst, denn Akne hatte ich mit 13 oder 14 schon. Ich hatte mich mit austrocknender Gesichtscreme von der Dermatologin zufrieden geben müssen. Heute hyperventiliere ich innerlich, wenn ich höre, dass Frauen sämtliche Nebenwirkungen der Pille für ein besseres Hautbild auf sich nehmen.

Als ich sie schließlich vor einem Jahr abgesetzt habe, gingen dieser Entscheidung viele Ängste voraus. Mir war irgendwann in meiner persönlichen und aufgrund der Themen, mit denen ich mich befasste, auch feministischen Entwicklung bewusst geworden, dass ich gar nicht wissen konnte, ob ich die Pille gut vertragen würde. Und dass ich vor allem gar nicht wissen konnte, wie ich als Erwachsene ohne diese Hormonzufuhr sein würde. Der Gedanke machte mich fertig. Als ich anfing, die Pille zu nehmen, war ich in einem postpubertären Alter, ich hatte gerade erst angefangen, Dinge mit meinem Körper zu machen. Bis ich ihn verstand, sollte es noch dauern.

Ich fühlte mich irgendwann dumpf, wie mir rückblickend bewusst geworden war. Meine Emotionen ließen sich an einer Hand abzählen, meine Libido war eingeschlafen. Warum wusste ich lange nicht. Ich hatte oft keine Lust auf Sex. Das ist allerdings, wie oben angedeutet, ein Umstand, der im Patriarchat keine weitreichende Empörung zur Folge haben wird. Weibliche Lust hat in patriarchalen Gesellschaften keine große Relevanz. Nach dem patriarchalen Ideal hat die Frau dem Mann zu dienen, es geht um sein sexuelles Wohlbefinden, um seine Befriedigung. Der weibliche Körper ist dabei – sofern er auch gefällig ist – nur Mittel zum Zweck. Objektiv betrachtet ist es für den Mann einfach komfortabel, wenn die Frau mit der Pille verhütet. Was diese jedoch mit ihr anzurichten imstande ist, ist aufgrund von Ignoranz oder Unwissen nur selten eine damit einhergehende männliche Sorge.

Doch nicht nur meine Libido veränderte sich nach dem Absetzen der Pille, ich fühlte mich bald leichter, wacher, ich spürte mich und meinen Körper intensiver. Ich war positiver und gelassener. Die Pille hatte mich schwermütig und müde gemacht. Es war erschreckend, welche Veränderungen ich in der Zeit danach an mir bemerkte. Meine Regelblutung ist heute zwar wesentlich stärker und ich habe Krämpfe, die ich ohne Schmerzmittel kaum aushalte. Aber die Schmerzen sind mir immer noch lieber als das permanente Taubheitsgefühl zuvor. Ich weiß aber auch, dass die Pille für Frauen, die etwa unter Endometriose leiden, eine verbesserte Lebensqualität bedeuten kann. Hoffentlich gibt es für sie bald eine Lösung ohne das Risiko anderweitiger Einbußen durch die Pille.

Noch etwas. Seit ich mich erinnern kann, war ich in irgendeiner Form auf Diät, habe versucht, gesünder zu essen, weniger zu essen, habe meine Kalorienzufuhr kontrolliert. Auch ich war und bin nicht immun gegen den Druck, den omnipräsente gesellschaftliche Schönheitsideale auf Mädchen und Frauen ausüben. Ich war normalgewichtig, aber trotzdem stets unzufrieden. Es war anstrengend. Ich hatte Heißhungerattacken. Ich hatte lange Zeit eine Essstörung. Nach dem Absetzen der Pille nahm ich automatisch ab. Ich fühlte mich wie ein Kind, das ein völlig unvoreingenommenes Essverhalten an den Tag legte. Ich esse nun, wenn ich Hunger habe und höre auf, wenn ich satt bin. Es ist plötzlich so simpel. Depressionen, Essstörungen, Verlust der Libido. Warum sollten nur Frauen das alles ertragen müssen?

Diskussionen über die Pille für den Mann gibt es schon länger. Es gibt immer wieder Studien, manche werden abgebrochen, weil die Nebenwirkungen der getesteten Mittel enorm zu sein scheinen. Guten Morgen, willkommen im Alltag vieler Frauen. Obwohl ich immer wieder Rachefantasien habe und mir zumindest ein ganz kleines Matriarchat wünsche, in dem Männer unter der Herrschaft von Frauen leiden, so wie Frauen seit Jahrhunderten unter der Herrschaft von Männern leiden, wäre es zielführender, einfach ein geschlechtsneutrales Präparat ohne Nebenwirkungen zu entwickeln. Also ja, selbstverständlich sollte sich auch der Mann um Verhütung kümmern müssen. Dass diese seit jeher auf die Frau abgeschoben wird, hat auch mit der gesellschaftlich schwächeren Position von Frauen zu tun, die sich auch darin manifestiert, dass sie diejenige ist, die sich am Ende mit einer Schwangerschaft, einem Abbruch oder einem Baby herumschlagen muss.

Ein essentieller Schritt zur sexuellen Selbstbestimmung steht in Österreich immer noch aus: Verhütungsmittel auf Kasse. Welche Frau wie verhütet, liegt einerseits an ihrer Sozialisation, an ihrem Umfeld, an ihrer Bildung, an ihrer Familienplanung und an ihren Verträglichkeiten. Andererseits an ihren finanziellen Mitteln. Eine Alleinerzieherin, die Teilzeit arbeitet, wird sich logischerweise für die billige Pille entscheiden, nicht für die teure Kupferspirale. Hier muss das Gesundheitssystem ansetzen. Es braucht nicht nur bessere Aufklärung, sondern auch die Finanzierung von Verhütungsmitteln durch die Krankenkassen. Unerlässlich wäre diese zumindest für Jugendliche und Frauen mit geringem Einkommen, ideal aber für alle. 2015 wurde in Österreich eine Studie durchgeführt, die zeigte, dass die Hälfte der Befragten anders verhüten würde, wenn keine Kosten anfallen würden. Auch das Frauenvolksbegehren 2.0 fordert die volle Kostenübernahme von Verhütungsmitteln, die eine ärztliche Untersuchung und Beratung voraussetzen.

Die problematische Doppelmoral bei diesem Thema zeigt sich jedoch schon in der Handhabung der Verschreibung. Während die Pille 14-jährigen Mädchen gegen Akne verschrieben wird, müssen Frauen alle sechs Monate bei Ärzt*innen um ein neues Rezept bitten. Auf der einen Seite steht also eine gewisse Verantwortungslosigkeit durch unzureichende Aufklärung, auf der anderen Seite die ewige Bevormundung von Frauen durch Autoritätspersonen. Auch an dieser Stelle kann das Frauenvolksbegehren 2.0 zitiert werden. Gefordert wird nämlich die Verankerung und Finanzierung von zeitgemäßer Bildung zu den Themen Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft in Schulen und Bildungseinrichtungen. Diese sowie jene Forderung nach der Kostenübernahme sind essentielle Fundamente für ein funktionierendes System, das sexuelle Selbstbestimmung und reproduktive Rechte von Frauen sichert. Die Übernahme der Kosten für Schwangerschaftsabbrüche gehört übrigens ebenfalls dazu.

Ich verteufle die Pille also nicht, auch, wenn ich vorerst ohne bleibe. Ich wünsche mir lediglich, dass Frauen in der Lage sein können, fundierte und selbstbestimmte Entscheidungen über den Umgang mit ihrem Körper zu treffen. Ich wünsche mir, dass sie sich frei von gesellschaftlichem Druck und mit medizinischem Wissen und sozialen Leistungen abgesichert für oder gegen die Einnahme der Pille oder eines anderen Verhütungsmittels entscheiden können. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, meine Erfahrungen aufzuschreiben. Weil wir dringend über die Pille, über Verhütung und über sexuelle Selbstbestimmung reden müssen.

Melisa Erkurt und Alexandra Stanić haben für die aktuelle Ausgabe des Biber einen ausführlichen Artikel über Frauen und ihre Erfahrungen mit und nach der Pille verfasst. Sie schreiben darin von „immer mehr Frauen“, die die Pille absetzen. Es tut sich etwas.