Liebes Patriarchat

Am 8. März ist Weltfrauentag. An diesem Tag passiert Gutes in Gesellschaft und Medien, vor allem aber zeigt er jährlich Missverständnisse und Fehlinterpretationen auf, die es im Zusammenhang mit Gleichberechtigung und Feminismus nach wie vor gibt, und auf denen es sich immer noch bequem gemacht wird. Ein Appell an das Patriarchat.


Frauen sind in allen Bereichen des öffentlichen Lebens unterrepräsentiert, scheitern im Job trotz besserer Ausbildung und gleicher Qualifikation an der gläsernen Decke, werden weitaus häufiger zu Opfern häuslicher, sexueller und sexualisierter Gewalt. Sie sind quasi nonstop struktureller Diskriminierung und Alltagssexismus ausgesetzt und werden, sofern sie diese geschlechterspezifischen Ungerechtigkeiten ansprechen und kritisieren, nicht nur nicht ernst genommen, sondern oftmals bedrängt, beschimpft, bedroht und körperlich angegriffen.

Das sind belegbare Fakten. Sie sind nicht neu. Unsere männlich dominierte Gesellschaft funktioniert so. Es wird noch dementsprechend lange dauern bis Frauen und Männer wirklich gleichberechtigt leben können. Mit ein paar kleinen Aufmerksamkeiten lassen sich viele Dinge allerdings unmittelbar besser machen. Diese sollen sich nicht nur an die vom Patriarchat profitierenden Personen richten, sondern an alle, die von patriarchalen Strukturen tangiert werden. Also einfach alle.

1. Informiert euch, was Feminismus ist

Harald Martenstein, der vielerorts gefeierte, politisch inkorrekte Kolumnist des ZEITmagazins, schrieb am 7. März, dass er unsere Idee des Feminismus „im Grundsatz für vernünftig“ halte, aber wir es damit einfach ins Maßlose übertreiben würden. Das ist nicht nur überheblich und antifeministisch, sondern allein sprachlich völliger Unsinn. Der Autor suggeriert, dass ein bisschen Feminismus ok sei, aber zu viel davon nerve. Glaubt er denn, dass man Feminismus zählen kann? Eins, zwei, drei Feminismus? 15 Dekagramm Feminismus? Martenstein outet sich damit als einer von vielen, die nicht zu wissen scheinen, was Feminismus eigentlich ist. Das wäre nicht weiter schlimm, würde er ihn nicht dennoch kommentieren beziehungsweise denunzieren.

Nachdem davon auszugehen ist, dass sich der Autor weder Beyoncé noch die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie je zu Gemüte geführt hat, möchte ich an dieser Stelle die Suchmaschine Google empfehlen. Schnell lässt sich herausfinden, dass der Feminismus eine Bewegung ist, die sich den Kampf für Gleichberechtigung, (sexuelle) Selbstbestimmung und gegen Sexismus zur Aufgabe gemacht hat. Es ist nicht schwierig, sich im Internet zu informieren. Es ist übrigens nicht das erste Mal, dass ich mich aufgefordert fühle, dieses so bequeme Unwissen zu kritisieren.

2. Lest nach, worum es beim Weltfrauentag geht

Obwohl die meisten Drogerie- und Supermarktketten es mittlerweile begriffen haben, wie daneben es ist, den 8. März mit Sonderangeboten für Pralinen, Parfüms und Blumensträußen zu begehen, gibt es immer wieder Ausreißer wie etwa aktuell das deutsche Einzelhandelsunternehmen EDEKA. Merci und Prosecco statt Gleichberechtigung? Der hochpolitische Weltfrauentag ist kein verdammter Valentinstag.

Er wurde 1910 von der deutschen Soziologin Clara Zetkin bei der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen vorgeschlagen und am 19. März 1911 zum ersten Mal gefeiert. Es ging damals noch um die Organisation von länderübergreifenden Protesten zugunsten des Frauenwahlrechts. In Österreich dürfen Frauen seit 1918 wählen, seit 1975 dürfen sie ohne Zustimmung des Ehemannes arbeiten, den Wohnsitz mitbestimmen und den Familiennamen wählen. Im selben Jahr wurde die Fristenlösung eingeführt, seit 1989 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar und so weiter. Heute haben wir die formelle Gleichstellung vor dem Gesetz. Und wie oft müssen sich Frauen anhören, dass sie doch zufrieden sein sollen, weil irgendwas mit anderen Ländern und anderen Sitten.

3. Sagt uns nicht, dass wir zufrieden sein sollen

Wir wissen um unser Privileg als weiße Mitteleuropäerinnen. Wir wissen, dass selbst Grundrechte nicht selbstverständlich sein können, wenn in anderen, nicht allzu weit entfernten Ländern und Gesellschaften Frauen entrechtet werden, ihre Genitalien verstümmelt werden, sie verkauft und missbraucht werden, sie sich verschleiern müssen, sie keinen Zugang zu sicherer Abtreibung haben und dafür ins Gefängnis müssen, sie trotz schwerer Arbeit verarmen. Wenn wir über Feminismus reden, muss dieser immer intersektionell verstanden werden und alle Frauen, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Religion, sexueller Identität und Orientierung, einschließen. Wir dürfen keinen Schönwetterfeminismus leben, der nur der weißen Oberschicht-Managerin aus Döbling hilft. Dass es uns besser geht, als so vielen anderen Frauen auf der Welt, kann nur bedeuten, dass wir doppelt und dreifach so hart für die Rechte der weniger Privilegierten kämpfen müssen.

Ergibt Sinn? Dann macht doch mit, anstatt uns zu sagen, wie gut wir es als Frauen hier in Österreich haben. Und – habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, wie privilegiert ihr als Männer seid? Genau.

4. Hört auf mit #notallmen

Nicht alle Männer sind böse, was für eine Überraschung. Wenn über strukturelle Diskriminierung von Frauen gesprochen wird, über rape culture und sexuelle und sexualisierte Gewalt, dann geschieht das nicht aus dem Grund, dass Männer an den Pranger gestellt werden sollen. Es wird nicht der Männer wegen über diese Themen diskutiert, sondern der Frauen wegen. Warum fühlt ihr euch persönlich angesprochen, wenn ihr selbst keine Frauen diskriminiert, unterdrückt und vergewaltigt?

Ob es euch nun angenehm ist oder nicht, die männlich dominierte Gesellschaft hat wesentlich zu dieser systematischen Unterdrückung von Frauen beigetragen und tut dies nach wie vor. Das Patriarchat als Gesellschaftsform. Nicht ihr als männliche Individuen. Wenn ihr die Gleichberechtigung wirklich leben würdet, dann würdet ihr euch durch diese Themen nicht angegriffen und verletzt fühlen. Wenn euch zu einer Vergewaltigungsstatistik nichts anderes einfällt, als „aber Männer können auch zu Opfern werden“, dann habt ihr leider nicht nur gar nichts verstanden, ihr lenkt ein Thema, bei dem ihr einmal nicht im Mittepunkt steht, wieder zwanghaft auf euch. Ihr nehmt den Inhalt gar nicht erst wahr. Nur eure eigene Repräsentation. Das ist kontraproduktiv und macht euch zu einem Teil des Problems.

5. Nehmt Frauen* ernst

Wenn auf Frauen eine unbedachte Äußerung sexistisch und diskriminierend wirkt, auf Männer aber nicht, dann hat das häufig den simplen Grund, dass Männer dafür nicht sensibilisiert sind. Dass muss kein unlösbares Dilemma sein, das vielleicht am Ende der Diskussion noch mit einem Twitter-Block endet. Wenn Frauen sagen „das ist sexistisch“ lohnt es sich als Mann, insofern er sich selbst eben nicht als Sexist oder Antifeminist versteht, nachzufragen, inwiefern. Wobei dieses Interesse oft gar nicht besteht und der Vorwurf einfach verneint wird. Wenn einem ein weißer Cis-Mann erklären möchte, was sexistisch ist und was nicht, kann man als Frau schon einmal ein bisschen Puls bekommen. Das ist ok.

Im Ernst, warum fällt es euch so schwer, zu akzeptieren, dass ihr mit eurer Sprache und eurem Verhalten Minderheiten wie Frauen (auch unbeabsichtigt!) verletzen könnt? Warum könnt ihr das nicht annehmen und die Gelegenheit für eine Entschuldigung nutzen? Warum ist es euch so wichtig, als privilegierteste, lauteste und sichtbarste aller gesellschaftlichen Gruppen weiterhin keine Acht auf eure Sprache und euer Verhalten gegenüber anderen geben zu müssen?

P.S.: Lasst diese „ironisch“ sexistischen Witze. Sie sind nicht lustig. Ihr macht doch auch keine „ironisch“ rassistischen oder homophoben Witze oder? Eben.

6. Macht euren Mund auch bei Ungerechtigkeiten auf, die euch nicht betreffen


Hier braucht es keine großartige Erklärung. Es gibt Situationen, in denen Stimmen nicht laut genug ist. Oft sind das die Stimmen von Frauen zu Themen, von denen Frauen stärker betroffen sind als Männer und letztere dazu oft keine Stellung beziehen, während sie zu vollkommen irrelevanten Themen aber inbrünstige Konversationen führen. Leiht uns eure einflussreichen Stimmen, auch wenn ihr nicht direkt betroffen seid. Wer nicht gegen Ungerechtigkeit laut wird, macht sich zum Komplizen.

7. Seid solidarisch

„Feminism is not a stick to beat other women with“, sagt Emma Watson zu der Vanity Fair-Sache, die ich hier wahrscheinlich nicht mehr genauer ausführen muss. Das Traurige an den Vorwürfen war nicht nur ihr Inhalt, sondern, dass sie von einer Frau kamen. Wir müssen aufhören, Frauen in bessere und schlechtere Feministinnen einzuteilen, weil sie nicht unserem Bild von „richtigen“ Feministinnen entsprechen. Dass Feministinnen schön sind und einen Körper haben (!), kann doch heutzutage keine Kontroverse mehr auslösen. Doch, offensichtlich schon. Sollte es aber nicht.

Frauen, wir sitzen im selben Boot. Hört auf, die Frau auf der anderen Straßenseite wegen ihres kurzen Rocks oder ihres tiefen Ausschnitts zu shamen, hört auf, die Bekannte, die jedes Wochenende Sex mit jemand anderem hat, als Schlampe zu bezeichnen. Nennt niemanden abwertend Mädchen oder Pussy und lasst es nicht unkommentiert, wenn es jemand anderer tut. Und bitte streicht das Schimpfwort Fotze komplett aus eurem Wortschatz. Unterstützt Frauen bei ihren Kämpfen on- und offline. Macht eure Solidarität auch nicht von einer kleinen Meinungsverschiedenheit abhängig.

Und weil eine Freundin und ich es uns erst gestern von einem ORF-Moderator mit 50.000 Twitter-Follower*innen anhören mussten. Hört auf, uns zu sagen, dass wir uns beruhigen sollen, wenn uns etwas nicht passt und wir das ansprechen. Den Hysterie-Menstruations-Schmäh könnt ihr langsam echt ein für alle Mal kübeln.

8. Habt keine Angst vor dem F-Wort

Fuck? Nein, das andere F-Wort. Warum haben so viele Frauen Angst davor, sich als Feministinnen zu „outen“? Ist es ihnen peinlich, für die Gleichberechtigung der Geschlechter einzustehen? Feminismus ist kein schmutziges Wort. Manche Frauen sagen, dass sie sich nicht als Feministinnen bezeichnen möchten, weil der Begriff mittlerweile so negativ konnotiert sei. Gleichberechtigung und Selbstbestimmung würden sie aber natürlich unterstützen. Äh, was?

Ja, Antifeminist*innen haben den Begriff negativ konnotiert. Warum sollten wir ihn deshalb aufgeben?

9. Akzeptiert (auch virtuelle) Grenzen


Es ist in Ordnung, wenn ihr eine feministische Forderung nicht auf Anhieb versteht. Es ist ok, wenn ihr nachfragt. Gerne auch zwei- oder dreimal, wenn ihr ehrlich an einem Wissensgewinn interessiert seid. Wir merken das. Wir merken es allerdings auch, wenn ihr einfach nur Raum einnehmen und uns mit euren eigenen Theorien zum Thema bombardieren wollt.

Ganz ehrlich – und das sollte jetzt keine Überraschung sein – es ist nicht unsere Aufgabe, euch unsere Anliegen so oft und so ausführlich und differenziert zu erklären, bis ihr, die offensichtlich ohnehin eine vollkommen gegensätzliche Auffassung vertretet, unseren Punkt für valide haltet. Es liegt nicht an euch, das zu beurteilen.

Irgendwann reicht es uns oft und wir wollen nicht mehr mit euch reden. Nicht, weil wir keine Argumente haben, sondern weil wir einfach nicht mehr wollen. Das habt ihr unbedingt zu akzeptieren. Viele tun das allerdings nicht und fangen an, böse zu werden. Sei das nun in einer Bar oder im Internet. Das ist gruselig. Ihr überschreitet damit eine Grenze, die zeigt, wie schlecht ihr mit Zurückweisung klarkommt. Das ist ein sehr präsentes Problem und wird vor allem im Kontext sexualisierter Gewalt diskutiert. Ich lasse das jetzt einmal so stehen.

10. Bitte keine Belohnung für sexistische und frauenfeindliche Berichterstattung

Bitte nicht, Thomas Drozda. Das kann doch nicht nur Qualitätsjournalist*innen sauer aufstoßen. Medien schaffen einen sekundären Zugang zur Welt. Wenn diese täglich eine Welt porträtieren, in der ein Vergewaltiger als Sex-Täter romantisiert wird, in der sich Islamisierungs- und Weltuntergangstheorien abwechselnd das Titelblatt teilen und Impfung verteufelt wird, weil Kinder dadurch zu masturbieren beginnen würden, dann kann es kein förderungswürdiges Medium sein. Formale Kriterien hin oder her.

Die zehn obenstehenden Punkte können nicht alles abdecken, das man tun kann, um die Situation für Frauen im Alltag zumindest gefühlt zu verbessern. Womöglich wird es dazu an dieser Stelle einen zweiten, dritten, vierten Teil geben. Die großen Fragen bleiben. Experten schätzen, dass es noch 170 Jahre dauern wird, bis Frauen und Männer tatsächlich gleiche Chancen erhalten. Wir sehen uns auf der Straße.

Das T-Shirt aus dem Beitragsbild ist von Feminist Apparel.