Über die Ignoranz gegenüber lesbischen Beziehungen

Die Tageszeitung Kurier veröffentlichte ein Interview* mit der grünen Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek, in dem über ihre Homosexualität geplaudert wird. Das ist gut. Nicht gut sind hingegen Art und Gewichtung der Fragestellungen, die die nach wie vor bestehende gesellschaftliche Ignoranz gegenüber lesbischen Beziehungen abbilden.


„Warum wollen Sie lieber eine Beziehung mit einer Frau?“ fragt die Redakteurin die seit vielen Jahren offen lesbische Politikerin Ulrike Lunacek. Diese antwortet unaufgeregt. So auch auf alle anderen Fragen nach ihrer Homosexualität, ihrem Outing und ihrer Lebenspartnerin, die insgesamt mehr als die Hälfte aller Interviewfragen ausmachen. Dass sie darüber gerne spricht, ist großartig. Warum sollte sie auch nicht?

Zu hinterfragen ist vielmehr die sensationalistisch-uninformierte Art der Fragestellungen. Eine lesbische Frau zu fragen, warum sie lieber – lieber als was? – eine Beziehung mit einer Frau führt, ist jenseitig. Lesbische Frauen führen nicht bloß lieber Beziehungen mit Frauen, sondern ausschließlich. Ergo, sie führen keine Beziehungen mit Männern. Dass sie in der Vergangenheit auch Beziehungen mit Männern eingegangen sind, macht sie in der Gegenwart nicht weniger lesbisch und rechtfertigt auch keine Fragen in dieser Form. Dadurch wird nämlich impliziert, dass sich die Frau nicht sicher ist, dass es eine Phase ist, ein Experiment, das spätestens dann endet, wenn ihr der richtige Mann über den Weg läuft. Das ist respektlos und ignoriert das gesamte Konzept von Homosexualität.

Warum nicht auch fragen, ob sie denn keinen Mann abbekommen hat? Ob sie früher einmal zu oft von Männern enttäuscht worden ist? Wer der Mann in der Beziehung ist? Das klingt überspitzt? Ist es nicht. Lesbischen Frauen werden oft genau solche Fragen gestellt.

Dazu kommen auf manchen Parties übergriffige Äußerungen von Männern. Zuschauen oder Ménage-à-trois? Wenn dann abgelehnt wird, war es natürlich ein Spaß. Es ist aber kein Spaß. Lesbische Frauen sind kein Fetisch für Hetero-Männer. Sie sind auch keine Projektionsfläche für eure ach so große Toleranz. Ihr seid für die Ehe für Alle? Gratulation, ihr seid keine reaktionären Monster. Dafür gibt es keinen Applaus. Generell muss man lesbische Frauen im Gespräch nicht immer auf ihre Sexualität ansprechen oder anmerken, dass man sich vorstellen kann, dass ihre Situation total schwierig sein muss, politisch und familiär. Man kann auch einfach über die fade Arbeit, Beyoncés neues Video und das beste Schnitzel der Stadt reden. Für sie ist ihre Homosexualität nämlich wie Heterosexualität für Hetero-Frauen – Alltag.

Und genau damit lässt sich das alles auch schön ad absurdum führen. Heterosexuelle Personen werden nicht nach dem Moment gefragt, als ihnen klar wurde, dass sie heterosexuell sind, wie ihre Eltern reagiert haben, als sie ihnen gestanden haben, dass sie heterosexuell sind und warum sie lieber heterosexuelle Beziehungen führen. Ulrike Lunacek wurde danach gefragt, die übrigen Spitzenkandidaten wird man nicht danach fragen.

Mit der Veröffentlichung des Interviews entstand schließlich eine weitreichende Diskussion, die manche Kolleg*innen als Bevormundung einer erfahrenen, medienkompetenten und eigenständigen Politikerin kritisierten. Darum ging es dem Großteil der Kritiker*innen jedoch nicht. Vielmehr erinnerte es sie an eine tief verankerte gesellschaftliche Sichtweise von Frauen, die Frauen lieben. Interviews mit lesbischen „Role Models“ können und werden zweifellos dazu beitragen, diese Sichtweise in Zukunft zu verändern, dazu müssen sich die Fragestellungen von Qualitätsmedien allerdings von jenen lallender Partygäste unterscheiden.

*Der das Privatleben betreffende Teil des Interviews wurde bereits am 1. Juni 2014 1:1 so veröffentlicht. Das ist unüblich, wurde aber autorisiert und soll in diesem Text nicht das Thema sein.