Wir müssen aufhören, zwischen „guten“ und „schlechten“ Gewaltopfern zu unterscheiden

Natascha Kampusch verkörpert nicht das Opfer, das viele Menschen in Österreich sehen wollen. Ein „ORF Thema Spezial“ über Hass im Netz fachte die Vorwürfe, sie sei „mediengeil“ und „unglaubwürdig“ die letzten Tage über erneut an.


„Warum wird die Kampusch schon wieder vorgeführt??? Lasst Sie [sic!] und uns endlich in Ruhe!!!“ „Wenn es jemandem so furchtbar schlecht geht, dann vermarktet er die Geschichte nicht von vorn bis hinten.“ „Natascha K. […] ist nur beschäftigt damit, ihr Unglück immer wieder zu vermarkten, ihre Geschichte immer wieder präsent zu halten und dafür [sic!] ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie sollte sich ein Beispiel an der Familie Fritzl nehmen, denen es ungleich schlechter erging und trotzdem nicht in die Öffentlichkeit gehen, um zu zeigen, wie arm sie waren!“

Diese und ähnliche Beiträge finden sich unter dem Facebook-Trailer zum gestern ausgestrahlten „ORF Thema Spezial“ über Hass im Netz, in dem neben anderen von Hasspostings betroffenen Frauen wie Eva Glawischnig und Ingrid Thurnher eben auch Natascha Kampusch zu sehen ist. Sie liest darin aggressive Kommentare von User*innen vor, die sie beschimpfen und ihr Schlimmes wünschen. Sie solle doch einfach „zurück in den Keller gehen und sich ficken lassen“. In der Sendung geht es jedoch nicht um ihren bekannten Entführungsfall, sondern um Hatespeech in sozialen Medien, die besonders in der Öffentlichkeit stehende Frauen häufig in einer sexualisierten Form erfahren. So eben auch sie. Zudem engagiert sich die heute 29-Jährige angeblich seit Jahren im Kampf gegen das Phänomen.

Natascha Kampusch ist jedenfalls mehr als zehn Jahre nach ihrer von weltweitem Medienecho begleiteten Flucht präsent und diese Präsenz scheint viele Menschen in Österreich extrem wütend zu machen. Sie hat ihre tragische Geschichte über Jahre im nationalen und internationalen Fernsehen erzählt, in Büchern und Artikeln, sie wurde zu einer Symbolfigur für Frauen, die Ähnliches erlebt hatten. Und zu einem Hassobjekt. Sie wollte sichtbar sein und das ließ nicht nur User*innen im Internet an ihrer „Glaubwürdigkeit“ zweifeln. Laut eigener Aussage in einer von ihrem Fall handelnden Ausgabe von „ORF Thema Spezial“ aus dem Jahr 2016 wird sie auch auf der Straße offen angepöbelt. Doch woher kommt dieser unverhältnismäßige Hass auf ein Gewaltopfer?

Kampusch verkörpert nicht das Opfer, das viele Menschen kennen und sehen wollen. Sie ist nicht in sich gekehrt, hat keine äußerlichen Narben davongetragen. Sie bewegt sich vor und nicht hinter den Kulissen. Ihr Trauma hat sie offensichtlich nicht gebrochen. Sie lacht und macht Scherze, wirkt gesund, ist selbstbewusst, artikuliert und unabhängig.

Menschen wurden nach und nach skeptisch. Kann es ihr denn wirklich so schlecht gegangen sein, wenn sie sich nicht von der Außenwelt abschirmen, sondern offen über alles reden will? Kann sie so überhaupt als richtiges Opfer ernst genommen werden? Hat sie ihre Geschichte nicht genug „ausgeschlachtet“? Außerdem ist es ihr ja nicht so schlecht ergangen wie der Familie Fritzl, immerhin wurde sie nicht vom eigenen Vater vergewaltigt und musste seine Kinder austragen, sondern durfte sogar manchmal aus dem Keller hinaus. Hatte sie trotz Gefangenschaft vielleicht sogar ein schönes Leben?

Ist das euer verdammter Ernst?

Ein Kind, das gegen seinen Willen über acht Jahre lang von einem fremden Mann eingesperrt wurde, hatte kein schönes Leben, sondern wurde Opfer eines Verbrechens. Die Entscheidung, an die Öffentlichkeit zu gehen und sich in dieser zu bewegen, war und ist eine höchstpersönliche und es ist, wie auch der ORF-Journalist Christoph Feurstein einem kommentierenden User unter besagtem Facebook-Trailer antwortete „nicht im Sinne des Opferschutzes einem Opfer vorzuschreiben, wie es mit seiner Geschichte umgehen soll.“


Das ist genau der Punkt. Wir müssen aufhören, so zu tun, als gäbe es einen Unterschied zwischen „guten“ und „schlechten“ Gewaltopfern. Zwischen jenen, die Empathie und Respekt verdient haben und jenen, die es nicht tun. Wir haben keine Ahnung von der Person Natascha Kampusch und wir haben keine Ahnung von der Familie Fritzl. Wir müssen aufhören, diese traumatisierten Menschen miteinander zu vergleichen, zu bevormunden und vor allem müssen wir aufhören, zu denken, dass wir in deren Leben etwas mitzureden hätten. Haben wir nämlich nicht. Nie.