Ihr Nein ist niemals der Grund für seine Gewalt

In Wien verfolgt ein Mann eine Frau auf der Straße und fügt ihr mit einer Eisenstange schwere Verletzungen zu. Warum? Weil er ihre Zurückweisung nicht akzeptieren wollte. Nicht, weil sie ihn zurückgewiesen hat. Medien erzählen dennoch die zweite Version. Das macht einen Unterschied. “Flirt scheitert”, “stellte sich denkbar ungeschickt an”, “aus Frust gehandelt”. Man könnte meinen, ein Mann wäre nach einer Abfuhr in fast komödiantischer Manier schulterzuckend in sein Stammlokal um die Ecke spaziert, um...
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In Wien verfolgt ein Mann eine Frau auf der Straße und fügt ihr mit einer Eisenstange schwere Verletzungen zu. Warum? Weil er ihre Zurückweisung nicht akzeptieren wollte. Nicht, weil sie ihn zurückgewiesen hat. Medien erzählen dennoch die zweite Version. Das macht einen Unterschied.


“Flirt scheitert”, “stellte sich denkbar ungeschickt an”, “aus Frust gehandelt”. Man könnte meinen, ein Mann wäre nach einer Abfuhr in fast komödiantischer Manier schulterzuckend in sein Stammlokal um die Ecke spaziert, um sich zu betrinken, doch nein. Die aus diversen österreichischen Medien zitierten Formulierungen meinen tatsächlich, dass er mit einer Eisenstange mehrmals auf eine Frau eindrosch, die er zuvor stundenlang beobachtet und mit dem Fahrrad verfolgt hatte. Auch anderen Frauen hatte der mutmaßliche Täter in den letzten Wochen bereits nachgestellt. Er war polizeibekannt. Die 25-jährige Frau musste im Krankenhaus in künstlichen Tiefschlaf versetzt werden.

Dass die Geschichte kollektiv so erzählt wird, wie sie eben erzählt wird, ist ein bekanntes Problem, das seinen Ursprung in noch immer tief verwurzelten misogynen Denkmustern hat. Medien scheinen diesbezüglich unbelehrbar. Der Großteil der Berichte über Vorfälle von Gewalt gegen Frauen strotzt nur so vor Täter-Opfer-Umkehr und Verharmlosungen. Das beginnt mit euphemistischen Bezeichnungen wie “Familiendrama”, wenn ein Mann Frau und Kinder ermordet und endet bei einer detaillierten Beschreibung dessen, was denn nun den Täter dazu getrieben hätte, einer Frau brutal den Schädel einzuschlagen. Erklärt wird diese Gewalt von Männern gegenüber Frauen allerdings nie mit dem Verweis auf ein geschlechtsspezifisch angelerntes Unvermögen, angemessen und gewaltfrei auf Zurückweisung, Kränkung oder Verlust zu reagieren, auf die Auswüchse toxischer Maskulinität, männliches Anspruchsdenken und strukturelle Frauenfeindlichkeit.

In der täglichen Chronik-Berichterstattung werden derartige Taten nie auch nur ansatzweise so kontextualisiert. Sie werden in keine gesellschaftlichen Zusammenhänge eingebettet, nicht mit Zahlen oder niederschwellig zugänglichem Expert*innenwissen untermauert. Zitiert wird nur die Polizei, die nach all den Maßnahmen der letzten Monate selbst kein großes Interesse an der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen zu haben scheint. Die Taten werden medial wie unfassbare Einzelfälle abgehandelt, die aus heiterem Himmel passieren. Boulevardesk, voyeuristisch, unsensibel und einer immer gleichen Erzählstruktur folgend. Die Frau hat etwas getan und daraufhin ist der Mann ausgerastet. Dieses Narrativ ist nicht nur irreführend, sondern vor allem gefährlich, denn es rechtfertigt Gewalt von Männern zumindest implizit als eine Reaktion auf das Verhalten einer Frau.

Wenn sie also sinngemäß oder explizit nein zu ihm sagt, sei es nun zu einem Drink, zu einem Date, zum Sex oder zur Ehe durch den Wunsch nach Scheidung, wird dieses Nein gleichgesetzt mit Gewalt, auf die der Mann quasi wie in einer Notwehrsituation mit tatsächlicher, also verbaler, körperlicher und sexualisierter Gewalt reagieren muss. Das Tatmotiv liegt in diesen Fällen niemals in den Handlungen des Opfers begründet.

https://twitter.com/scharlatanja/status/1081126514954027008

Die Berichterstattung verzerrt die Realität dennoch stets zugunsten der Täter, indem der Tat vorangestellt wird, was die Frau gemacht hat. Im Regelfall hat sie persönliche Grenzen kommuniziert, was im Patriarchat nach wie vor einer unverzeihlichen Provokation gleichkommt. Im aktuellen Fall wird der mutmaßliche Täter noch im ersten Absatz der von so gut wie allen Medien übernommenen APA-Meldung sinngemäß als schüchterner Tollpatsch vorgestellt. Das ist eine spezielle Form von Gender Bias, ein Mechanismus, den die US-amerikanische Philosophin Kate Manne “Himpathy” nennt. Darunter versteht sie die gelernte emotionale Überbewertung des Mannes, die wiederum die gelernte emotionale Unterbewertung der Frau bedingt.

Hinzu kommt, dass die fast komödiantische Erzählweise mit dem “gescheiterten Flirt” und dem nachfolgenden “Frust” eine für das Gesamtverständnis des Geschehenen völlig irrelevante Zusatzinformation darstellt, also ohne Probleme weggelassen hätte werden können. “Mann misshandelt Frau mit Eisenstange, nachdem er sie stundenlang beobachtet und verfolgt hatte” wäre für eine schnelle Meldung ausreichend Information gewesen. Wäre es endlich Usus, diese Taten mit toxischer Männlichkeit in Verbindung zu bringen, würde es wohl eine Minute länger dauern, noch hinzuzufügen, dass der mutmaßliche Täter offensichtlich ein Problem mit Anspruchsdenken und Zurückweisung hatte.

Ja, es gibt alle paar Monate große und wichtige Geschichten über Gewalt gegen Frauen und die dahinterliegenden Machtverhältnisse, doch diese ersetzen nicht die tägliche Sorgfalt, die in der Berichterstattung über geschlechtsspezifische Gewalt geboten sein sollte. Denn wie Geschichten erzählt werden, schärft die Wahrnehmung der Leser*innen. Etwa auch dafür, dass stundenlanges Nachstellen und Verfolgen niemals eine akzeptable Form der Annäherung sein kann. Dieses Detail, bei dem bei vielen Frauen sämtliche Alarmglocken losgehen, weil wahrscheinlich jede von ihnen bereits mindestens einmal von einem Mann auf der Straße verfolgt wurde, steht in allen Medien ohne jegliche problematisierende Einordnung. Auch das ist ein Statement.

https://twitter.com/verenabgnr/status/1081135882827165696

Der 41-Jährige ist in Haft. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Einen Leitfaden zur verantwortungsvollen Berichterstattung beim Thema Gewalt gegen Frauen gibt es zum Beispiel auch hier.

© Nicole Schöndorfer, 2019

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